ANDREA JAKOB



SEIT JANUAR 2016 ENTSTEHEN IN ENGER ZUSAMMENARBEIT MIT DER SCHWEIZER GLASKÜNSTLERIN ANDREA JAKOB OBJEKTE UND MINIATUREN, IN DENEN GLAS MIT METALL, ELFENBEIN UND HOLZ EINE GENAUSO SPANNUNGSREICHE WIE HARMONISCHE VERBINDUNG EINGEHT.  EINIGE GLASPERLEN - ALLESAMT IN DER FLAMME HANDGEDREHTE UNIKATE SEIEN HIER ALS BEISPIELE  HÖCHSTWERTIGER HANDWERKSKUNST VORGESTELLT




- 1200 GRAD CELSIUS -

... einige Impressionen und Einblicke in meine Arbeit mit flüssigem Glas ...

 Ist es möglich, den entstehenden Objekten eine spürbare Seele einzuhauchen, ihnen Emotion mitzugeben ?

 ... Vor dem Hintergrund dieses Gedankens, dieser Erwägung sind in Funktion und Ästhetik sorgfältigst angepasste Werkzeuge unabdingbare Begleiter. Die Freude an der ausgewogenen Harmonie des Werkzeugs soll sich in den Glasobjekten widerspiegeln. Es ist mir ein Anliegen, Bernd Morlock an dieser Stelle meine tiefe Dankbarkeit und grössten Respekt auszusprechen für die Unterstützung und Begleitung meines Werkzeugprojektes ...




... Arbeit in der gemeinsamen Werkstatt G8 in Birkenfeld ...


 

DER GLASWANDERER

 

Alt war er geworden - knorrig und krumm, wie die Äste der majestätischen Eibenhecken, die er ein Leben lang gehegt und umsorgt hatte.  

Berühmt und besungen waren sie, weit über die Grenzen der Provinz hinaus, die grünen Alleen des Fürsten Shimasa.

Vater der Zweige, so hatte ihn sogar sein fürstlicher Herr stets mit Achtung und Respekt genannt 

 

Nun stand der Winter an im Lebenskreis des alten Mannes – nicht plötzlich, nicht überraschend – lange hatte er sich mit seiner Endlichkeit, mit der Endlichkeit alles Seins beschäftigt. 

 

Den Mönchen des nahen Klosterschreins von Shogai hatte er schon vor vielen Jahren seine Furcht vor dem Grossen Nichts offenbart ..... und war in langen Gesprächen und tiefer Andacht der Ruhe immer näher gekommen …. der Ruhe und dem Wissen um die Harmonie aller Schöpfung, um Werden und Vergehen im Grossen Rad des Lebens.

 

Der Abt des Schreins war ein kluger Mann, er wusste um das nebelhafte Wesen der menschlichen Erkenntnis …. wenn die Morgensonne über den Horizont steigt, lässt die Geschäftigkeit des Tages nur allzu leicht alle fühlenden Wesen die Hände ausstrecken nach der Ewigkeit des Augenblicks, nach der Hoffnung, für alle Zeit im Hier und Jetzt zu verweilen.

 

Siebenundzwanzig walnussgroße Perlen aus Glas hatte der Abt dem Vater der Zweige geschenkt, eine bei jedem seiner Besuche im Schrein. Keiner wusste, woher sie kamen, wer sie gemacht hatte …. die ältesten Mönche meinten sogar, diese gläsernen Kugeln seien schon hier gewesen, als das Kloster errichtet wurde, in einer Zedernkiste tief in der sandigen Erde vergraben. 

 

Wundersame Dinge waren darin verborgen …. Schlangen und Frösche, Grillen und Zeisige, Gräser und mächtige Bäume …. und Landschaften, wie sie noch kein Mensch geschaut hatte … Wasserfälle, Eiswüsten und graue Gebirgsketten. Einige dieser Gläser zeigten sogar die Welt wie sie war, als noch Drachen lebten in feurigen Felsenhainen, als unter schwefligen Wolken riesenhafte Wesen ihre Himmelsbahn zogen.  

 

Nimm sie, hatte der Abt gesagt …. nimm diese Gläser und wandere damit tief hinein in Deine Seele! Schaue und fühle, was war, was ist und was sein wird …. Und bedenke, wenn Du zu Staub geworden bist, werden diese Kugeln immer noch sein …. ein Rabe wird vielleicht eine zwischen den Felsen bewahren, eine andere wird tief am Grunde eines Brunnens liegen. Doch auch diese magischen Kugeln werden vergehen, irgendwann zermahlen sein vom Geröll und den Wirbeln der Zeit. Wandere und schaue, und Du wirst erkennen, dass Deine Furcht Dich verlassen wird …. dass auch Du sein wirst, Eins mit aller Zeit, und Eins mit dem Sand aller Wesen und Dinge !  

 

So gingen die Jahre dahin, bei aller Freude über das Gedeihen seiner Eiben wurde ihm das Tagewerk allmählich mühsam …. aber kein Abend verging, ohne dass er in tiefer Stille versunken in seine Glasperlen schaute, und durch sie hindurch weit hinein in seine Seele. Und als ihn nach langer Wiederkehr von Winter und Sommer der letzte Eishauch von Furcht verlassen hatte, war ihm als könne er tief im Glas die Brandung des urzeitlichen Meeres hören, als ob ihn die Blätter der Farne sanft berührten. Und der Frieden aller Wesenheiten fiel wie Kirschblüten im Frühling lautlos um ihn zu Boden.  

 

Ein blauschillernder Käfer war sein treuer Gefährte gewesen in den Tagen, als der erste Frost über die Felder kroch. Sorgen hatte er sich gemacht, der Vater der Zweige, wo denn der Käfer seine Heimstatt finden würde, wenn nun der Winter kam …. doch jeden Abend war der Käfer wieder da, flog summend seine Kreise um den alten Mann und es war wie eine seltsame Freundschaft, einer schien Freude zu haben am Sein und Tun des Anderen.

 

Es war jedoch eine sonderbar andere Stimmung an diesem Abend …. kalte Regentropfen liessen die Grashalme zittern ….der Käfer flog seine Kreise, aber er vermisste den alten Mann. Einsam stand der hölzerne Schemel vor der Hütte und schien wie ein kleines kieselgraues Tier ebenfalls jemand zu vermissen. Nach einigen weiteren summenden Runden ging der blaue Käfer auf die Erde nieder und kroch, so schnell ihn seine Beine trugen, suchend um den Schemel...eine grosse Glasperle lag da, fremd und vertraut gleichzeitig, glänzend und geheimnisvoll, wie schon in den Tagen ihrer Erschaffung. Im Inneren eine sanfte Landschaft, Wacholderbäume, krumme Kiefern und freundlich gerundete Felsen, in der Ferne das Gestade eines Ozeans. Und ein Weg … der Käfer sah in der Perle ganz deutlich einen Weg …. und darauf ging der alte Mann …. dem Meeresufer entgegen. Mutig ausschreitend sah ihn der Käfer immer kleiner werden in dem Glas ….noch einmal drehte er sich um, winkte seinem blauschillernden Freund zu und war dann nicht mehr zu sehen.

   

 

Für Andy in tiefer Freundschaft am 19.März 2017......

Eine Hommage an den faszinierenden Kosmos Deines Denkens und Deiner Arbeit....

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